Universität
Stuttgart
Interdisziplinärer Forschungsschwerpunkt
Risiko und Nachhaltige Technikentwicklung




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Expertendelphi Nanotechnologie

Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in Berlin hat 2006 das Zentrum für Interdisziplinäre Risikoforschung und Nachhaltige Technikentwicklung (ZIRN) der Universität Stuttgart mit der Durchführung eines Delphi-Verfahrens zu Nanotechnologien beauftragt. 100 Expertinnen und Experten verschiedener Stakeholder-Gruppen wurden gebeten, potenzielle Risiken von nanotechnologischen Anwendungen in den Bereichen Lebensmittel, kosmetische Erzeugnisse, Oberflächenbeschichtungen und Textilien zu identifizieren und zu bewerten.

Die Delphi-Methode charakterisiert einen strukturierten Kommunikationsprozess der Technologievorausschau und –bewertung. Das Delphi wurde mit zwei Befragungsrunden und einem nachgelagerten Expertenworkshop konzipiert. Ziel war es, frühzeitig kritische Entwicklungen von Nanotechnologien zu identifizieren, um entsprechende Handlungsoptionen auf Seiten der Behörden ableiten zu können. Gleichzeitig sollte der Wissensstand der Expertinnen und Experten aus verschiedenen gesellschaftlichen Gruppierungen zusammengeführt und der Dialog gestärkt werden.

Hier die Ergebnisse in Kürze:
  • Wachstumsprognose: Die Experten prognostizierten mehrheitlich ein moderates Wachstum für Nanoprodukte in Lebensmittel, Kosmetik und Textilien sowie ein Wachstum von 70% für den Bereich der Oberflächenbeschichtung.
  • Bewertung von Toxizität und Exposition: Luftgetragene Nanomaterialien, sprich Stoffe die über die Atemwege in den Organismus gelangen können, wurden als „Gruppe mit besonders hohem toxischen Potenzial“ identifiziert. Es lassen sich darüber hinaus keine klaren Zuordnungen von Risikopotenzialen zu bestimmten Stoffgruppen, Aggregatzuständen, Größenbereichen oder hinsichtlich ihrer Gestalt vornehmen. Hintergrund ist nicht nur der geringe Kenntnisstand, sondern vielmehr ein methodisches Problem der Klassifizierung von Nanomaterialien. Eine Einzelfallprüfung wird empfohlen. Hierzu identifizierte die Workshopgruppe 18 Prüfkriterien.
  • Bewertung von verbrauchernahen Anwendungsbeispielen: Die Ergebnisse zu den verbrauchernahen Produkten beruhigen: kein einziges Produkt fiel unter die Kategorie „hohes toxisches Potenzial“. Nur den Fullerenen in Kosmetik wurde ein „mittleres toxisches Potenzial“ zugewiesen.
  • Moderate Anpassung der bestehenden Regulierung statt „Lex Nano“: Insgesamt sprach sich die Mehrheit der Expertinnen und Experten klar gegen eine eigene „Nano-Regulierung“ und für eine moderate Anpassung der Regulierung aus. Wissenschaft, NGOs, Behörden und Netzwerke bestimmten hier die Mehrheit. Die Industrie setzte eher auf freiwillige Selbstverpflichtungen. Freiwillige Selbstverpflichtungen der Industrie erhielten auch von den übrigen Stakeholdern hohe Zustimmungswerte.
Für die Bundesoberbehörden leitet sich aus den Ergebnissen eine klare Handlungsempfehlung für eine gut koordinierte Risikoforschung ab, deren Ergebnisse stakeholderübergreifend kommuniziert werden sollten. Unterschiede zwischen den Experten aus Industrie, Wissenschaft, NGO´s, Behörden, Netzwerkorganisationen und Versicherern zeigten sich weniger bei der Bewertung der Toxizität oder Exposition, sie wurden vor allem sichtbar in Fragen der Anpassung von Regulierungen und sensiblen kommunikativen Themen wie dem Labelling. Zentrales Element der Forderungen waren deshalb Dialoge zum gegenseitigen Wissensaufbau und zum Austausch zwischen den Stakeholdern und interessierten Verbrauchern. Die Behörden werden damit zur Schlüsselfigur, ob durch frühe Risikoforschung, offene Dialoge und angepasste Handlungsstrategien Vertrauen in einen verantwortungsvollen Umgang mit Nanotechnologien wachsen kann.








Projektlaufzeit: März 2006 - Juni 2007
Mitarbeiter: Dr. Antje Grobe
Alexander Jäger
Milena Riede
Viola Schetula
Michael Veller
Ansprechpartner: Dr. Antje Grobe
(antje.grobe(a)sowi.uni-stuttgart.de)
Download:
(kostenpflichtig)
BfR Homepage